Die Wahrheit ist, was in der Zeitung steht
Zu Ulrich Diezmanns Bilderzyklus "Soldaten" Mai 2005 im Kunstoffice Berlin
Den Pressefotos aus Krisengebieten im Irak, in Afghanistan, im Sudan oder in Palästina haftet etwas serielles und professionelles an. Als 'embedded journalists' reist ein Troß von Autoren und Fotoreportern mit Armeen mit, wird kontinuierlich von den Pressestäben des Militärs unterstützt und liefert einen beständigen Strom von Bildern aus dem Alltag des Krieges in die übrige Welt.
In Reihen von gleichen Formaten überträgt der Maler Ulrich Diezmann Pressefotos aus Tageszeitungen auf Holztafeln. Zügig und aus der Hand gemalt arbeitet Diezmann die entscheidenden Details heraus, ohne sich im Detaillierten zu verlieren. Nicht überhastet, aber doch auch ohne Zeit zu verlieren wirkt das Prozedere. Auf Folien kopierte Zeitungsbilder werden auf den Overhead-Projektor gelegt, vergrößert, mit schneller Hand hin- und hergeschoben. Grob gerasterte Patrouillen auf der Projektionsfläche, bewaffnete Palästinenser in Wartestellung oder stark armierte Einsatzkräfte beim Gang durch die Ruinen eines morgendlichen Bagdads oder Kabuls.
Die Auswahl des Ausschnitts erfolgt weniger nach inhaltlichen Gesichtspunkten, sondern nach technischen Kriterien. Kontrast, Licht, Bildaufteilung spielen hier
eine Rolle.
Gleichwohl setzt Diezmann auch inhaltliche Kriterien bei der Motivwahl an: Er vermeidet affektauslösende Sujets und würde weder den finalen Augenblick des Tötens noch die Dokumentation von Massengräbern malen. Das Format, in das Diezmann seine Vorlagen überführt, gliedert sich ein in Serien oft gleicher Größe 30 mal 36 Zentimeter, 36 mal 40. Kein Format für Schlachtenbilder und überlebens-große Heldenposen. Wie die einzelne Bildtafel in der Formation der Serie zu betrachten ist, erzählen die Bilder nicht von der existentialistischen Erfahrung des Krieges, sondern blicken auf die Ambivalenz des Kriegsalltages. Zu sehen sind Uniformen, schematische Kontraste, klare Räume.
Diezmann malt Soldaten, keine Krieger.
Ob als aufwendig bemalter Zinnsoldat, als Grabbeigabe altchinesischer Herrscher, als Schlachtengemälde aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges oder als überlebensgroßes Soldatenportrait aus der Zeit der Preußenherrschaft - seit es Krieg und Heere gibt, waren Soldaten Gegenstand und Motiv für Künstler.
Die Flut der Kriegsbilder in Zeitung und Fernsehen und die Zuspitzung der Kriege zum Medienevent, das die Weltöffentlichkeit für Wochen oder Monate in Atem zu halten vermag, egalisiert das Thema Krieg in der Kunst heute. Es erscheint dabei weder sinnvoll das Entsetzen, noch das Heroische des Krieges malen zu wollen.
Sein Vorgehen, eben jene Bilder auszuwählen, die als Massenware Woche für Woche in den Tageszeitungen und Magazinen auftauchen und diese in das "alte" Medium Malerei zu überführen, akzentuiert und überhöht den seriellen Charakter der Medienbilder.
Der erklärenden Bildunterschrift beraubt ist allenfalls der Militärfetischist noch in der Lage, aus dem Muster der Camouflage Herkunft oder Einsatzgebiet herauszulesen. Die logischen Zusammenhänge dieser Kriegsbilder fallen nicht erst in der malerischen Übersetzung fort, sie waren bereits in der Projektion kaum zu erraten.
Inhaltlich leistet sich Diezmann keine Gefühle zum Krieg. Seine Bilder bleiben gegenüber ihrem Gegenstand ambivalent und leisten sich weder die Geste eines 'kritischen Realismus' der friedensbewegten 70er und 80er noch die Spekulation auf einen Tabubruch durch die Verwendung militärischer Motive. Durch seine "Neutralität" eröffnet er dem Betrachter ein breiteres Spektrum an Entscheidungs-möglichkeiten. Statt Wertungen und redundante Empörungen vorzutragen entwickeln die Bildtafeln im seriellen Zusammenhang den Charakter einer Untersuchung. Ihr Gegenstand ist die Restidentität des Militärs, wie sie in den Medien tagtäglich konstruiert und restauriert wird.
Die Virtualität der Medien, die den Krieg durch die tägliche Zurschaustellung martialischer Bilder selbst als konkret und faßbar erscheinen läßt, wird von Diezmann mit den Mitteln des Medienwechsels dekonstruiert. Indem der Bildträger Zeitung gegen den Bildträger Gemälde ausgetauscht wird, entzieht Diezmann dem Medienbild vom Krieg buchstäblich die papierne Grundlage. Der Arbeitsablauf in Diezmanns Atelier bleibt dabei statisch und trägt mitunter Züge der Arbeit in einer Dunkelkammer: In einem standardisierten Environment von Projektor, Staffelei, Farben und Formaten arbeitet Diezmann die visuellen Fakten des Bildes heraus und schaltet nach Beendigung der Arbeit den Overheadprojektor ab und das Zimmerlicht wieder an. Danach erfolgen allenfalls minimale Retuschen.
Was im Ergebnis übrig bleibt, sind Bewegungsrichtungen, Uniformen, schematische Gesichter, Teile von abstrakt gewordenen Kriegsorten.
Was übrig bleibt ist - Die Wahrheit ist, was in der Zeitung steht (Th. Bernhard).
Kai Hoelzer, Mai 2005
Kai Hoelzer ist freier Autor u. Kurator von ZUVIEL-TV in Berlin
Horizonte
Einen Horizont, über das gesamte Gesichtsfeld sich erstreckend, bekommt der Stadtmensch im allgemeinen selten zu sehen. Horizont - immer auch mit Weite verbunden - wird bezeichnenderweise nicht nur als die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde definiert, sondern auch als geistiges Fassungsvermögen. Landschaft sieht der Städter meist als Reproduktion, oft auch in in der Werbung. Jeder kennt die Weiten, die der Marlboro-Man durchreitet und die formelhaft verkürzten Landschaften auf Mineralwasserflaschen und Milchtüten.
Die Landschaften von Ulrich Diezmann sind dagegen vielmehr die Essenz einer Landschaft: Himmel und Erde, mehr nicht. Nicht einmal Wasser. Das Auge liest sie von links nach rechts, von oben nach unten und umgekehrt,-und findet keinen Halt, keinen Punkt, auf den es sich konzentrieren könnte.
Diese Landschaften sind keine ausgeklügelten Kompositionen mit freistehenden Bäumen, Flußläufen u.s.w., auch nicht vollgestellt mit Zivilisationsmüll wie etwa die Landschaft in Tarkowskys "Stalker". Sie sind leer. Der Horizont ist nur von Bergen, Hügeln oder flachem Land gezeichnet. Es bleibt die Imagination einer Landschaft über die Bildgrenzen hinaus. So entfalten sich vor dem inneren Auge des Betrachters- ungeachtet der kleinen Bildformate - Landschaften von unendlicher Weite und doch verblüffender Vielfalt. Denn Ulrich Diezmanns Farbgebung läßt an Landschaften zur Mittagszeit oder Abenddämmerung denken, an Landschaften unter prallem Sonnenschein oder im Regendunst. Und - sie könnten überall auf der Welt sein.
Vor der Weite und Leere dieser Landschaften läßt die Assoziation mit der Wüste nicht lange auf sich warten. Der Film "Die Wüste lebt" von Walt Disney hat Ulrich Diezmann einmal beeindruckt, weil er einfach nur eine Landschaft zum Thema hat. Wüste ist das gerade Gegenteil unserer urbanen Lebensbedingungenen. Sie ist sowohl ein Ort der Freiheit, als auch einer der Grenzerfahrungen, nicht umsonst Enstehungsort der drei großen monotheistischen Religionen.
Angesichts ihrer Extreme wird der Mensch zurückgeworfen auf sich selbst und seine Maßstäbe werden in Ihrer Vorläufigkeit entlarvt. Langsamkeit und Stille der Wüste stehen entgegengesetzt zu Termindruck und dem Zwang, Zeit restlos zu (ver)nutzen. Anstelle allgegenwärtiger Ablenkung und Bespaßung treten Langeweile und Kontemplation.
Dazu ließe sich noch viel sagen, stattdessen abschließend ein Wort des Philosophen Rousseau: "Glücklich ist das Land, in dem man es nicht nötig hat, den Frieden in einer Wüste zu suchen. Wo aber ist dieses Land?" In diesem Sinne erscheinen auch die Landschaften Ulrich Diezmanns in ihrer Leere voller Erwartung auf das Kommende.
Eva-Maria Brandstädter, März 2001